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Jaeger(s)latein 7/2017
Bauen – für Journalisten ein Buch mit sieben Siegeln

Ich bin kein Twitterholic, der allüberall Twalking betriebe (tweeting while walking), eher Gelegenheitstwitterer. Und da habe ich neulich einen (ein?) Tweet von einem Twitterati (oder heißt es Twitterato?, man wird ja ganz twittrig) zugetwittert bekommen, der eines meiner Lieblingsthemen betraf, den Flughafen Berlin Brandenburg BER. „Drei Seiten zum #BER-Drama in der Süddeutschen!“, hieß es da, mit Ausrufezeichen. 

Großartig. Die SZ stellt endlich mal drei Seiten Platz zur Verfügung, damit das BER-Desaster gründlich aufgefächert werden kann, dachte ich, das muss ich lesen. Ich mich aufs Fahrrad geschwungen und zum S-Bahnhof getw…, gestrampelt und die Pfingstwochenendausgabe erstanden.

Und da fand ich es auf Seite 13: „Schönheit des Scheiterns“ ist die „finale Zwischenbilanz“ (nett) überschrieben. Darunter ein Text, kaum länger als dieser hier, dazu zwei große, Platz einnehmende Fotos. Am Fuß der Seite der Start einer Art-Comic-Strecke „Die Chaos-Chronik“, die sich über zwei weitere komplette Comic-Seiten fortsetzt. Allerlei Katastrophenmeldungen, Kuriositäten, Satire, Fakten und alternative Fakten werden da optisch ins Bild gesetzt. Fleißarbeit im Archiv und Fleißarbeit des Grafikers. Keine typografische Sternstunde, aber kann man ja machen.

Nur: Damit wird man dem Thema nicht gerecht. Der Autor Martin Wittmann, freier Journalist und SZ-Mitarbeiter mit eigener Gesellschaftskolumne „Schön doof“, hat Soziologie studiert und ist vom Bauen und vor allem von Planungs- und Bauabläufen offenkundig, sagen wir, nicht tangiert.

Und so hat er sich auf eine höhere Bewusstseinsebene fern der Niederungen der Realität gebeamt und eine Art Metaartikel verfasst. „Es ist nun ein Leichtes, […] sich aufzuregen und zu spotten“ und „verlockend, sich lustig zu machen“, schreibt er, um genau dies zu tun, zu kalauern und oft kolportiert Halbwahrheiten ein weiteres Mal zu kolportieren. Nichts gegen Kalauer, aber er verspricht, „die Perspektive zu wechseln“, „den Glanz dieses Scheiterns zu erkennen“. Genau! Man muss das Thema gesamt-

kulturell und quasi metaphysisch angehen, um „das 

Desaster in seiner absurden Schönheit zu zeigen“. Mit diesem Fazit gibt er sich zufrieden.

Man könnte über den oberflächlichen Blick aus dem fernen München, das generös-flapsige Urteil und den nutzlosen Text hinweggehen, wenn es nicht ein besonders grelles Schlaglicht (drei volle Seiten SZ!) auf das Grundproblem der BER-Angelegenheit werfen würde. Das Thema ist derart komplex, die Zusammenhänge so verworren, das Versagen so zahlreicher Protagonisten auf allen Ebenen so grotesk, die Handlungsweisen der daran verdienenden Firmen so skrupellos, die Verantwortlichkeiten so geschickt verhehlt, die Informationspolitik aller Beteiligten so restriktiv, dass die Journaille damit von Anbeginn so gründlich wie selten überfordert ist. 

Jeder schreibt vom anderen ab. Die Journalisten sprangen freudig über jedes Stöckchen, das die Flughafengesellschaft ihnen hinhielt. Skandälchen wie die angeblich zu kurz geratene Rolltreppe, das Licht, das sich angeblich nicht ausschalten ließ oder die – wie dumm ist das denn?! – unverkleideten Kühlleitungen (tatsächlich aber werden Kühlleitungen in Bereichen, wo Kühllast benötigt wird, natürlich nicht isoliert, sie waren also korrekt montiert) werden seit Jahren immer wieder voneinander abgeschrieben und aufgelistet. Marginalien zur Ablenkung, über die jeder sich aufregen kann, weil sie ihm plausibel erscheinen.

Die wahren Skandale, und es gibt sie in monströsem Ausmaß, werden nicht benannt bzw. höchstens angedeutet. Eine konsequent investigative Presse mit Ein- und Durchblick hätte zum Beispiel den Regierenden Bürgermeister Wowereit, der milliardenteure Fehlentscheidungen persönlich zu verantworten hat, zwei Jahre früher rigoros zu Fall gebracht und ihm nicht auch noch einen geschmeidigen, vermeintlich selbstbestimmten Abgang ermöglicht. Heute muss er in Berliner Gesellschaftskreisen nur ein wenig mit dem BER-Desaster kokettieren und wird augenzwinkernd wieder hofiert.

Als Wowereit 2012 nach dem so spektakulär geplatzten Eröffnungstermin die Architekten feuerte, hat er sich vom Flughafenchef die falschen Schuldigen aufschwatzen 

lassen. Denn er konnte Bauaufsicht und Bauleitung, Bauüberwachung und Projektsteuerung nicht auseinanderhalten, er, der Chef des Aufsichtsrats! Und das können die Journalisten eben auch nicht, weshalb sie anfangs in das wohlfeile Architekten-Bashing einstimmten. Ein aktuelles Beispiel aus besagter Pfingstausgabe der Süddeutschen? „Mai 2012: „Der Generalplaner Manfred Körtgen muss gehen“, steht da zu lesen. Doch Körtgen war mitnichten Generalplaner, sondern technischer Geschäftsführer der Flughafengesellschaft, saß also auf der Bau-

herrenseite. Aber wer will das schon so genau wissen? 

Es zeichnet sich bereits ab, dass sich die Geschichte wiederholen wird: Beim Skandalprojekt Stuttgart 21 blickt auch niemand mehr durch, am wenigsten die Presse. Bauen ist inzwischen eine Geheimwissenschaft. Schön, wenn es die Architekten wären, die den Geheimcode besitzen.

 

Prof. Dr.-Ing. Falk Jaeger

freier Architekturkritiker, Berlin