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Jaeger(s)latein 5/2017
Lob der Schönheit

„Bin ich schön?“ Die gespielt arglos an den Partner gerichtete

Frage führt genauso unentrinnbar auf vermintes

Gelände wie „Liebst du mich?“. Das Internet bietet viele

alberne Tests, mit deren Hilfe man sich die (gewünschte)

Antwort selbst geben kann. Doch nagende Zweifel bleiben.

Denn es heißt, die Schönheit liege im Auge des Betrachters,

will sagen: Jeder hat seine eigene Vorstellung

davon, was schön ist und was nicht. Zum Glück, denn

sonst gäbe es nur wenige begehrte Menschen, die dem

allgemeinen Schönheitsideal entsprechen und viele, viele

bedauernswerte Underdogs. Natürlich gibt es statistische

Häufungen. Claudia Schiffer werden nur wenige Zeitgenossen

als abgrundhässlich bezeichnen, Thomas Gottschalk

nur wenige als göttergleich schön. Deshalb auch

hat es immer Versuche gegeben, dem Phänomen mit wissenschaftlicher

Akribie nachzuspüren, Schönheit objektivierbar

zu machen, zu definieren, eine „numerische

Ästhetik“ zu begründen. Aber nicht nur der Philosoph

weiß: vergebliche Liebesmüh.

Was das mit Architektur zu tun hat? Auch Architekten

haben jahrhundertelang Anstrengungen unternommen,

Schönheit zu definieren. Schon der römische Traktatschreiber

Vitruv hatte den Baukünstlern den Floh ins Ohr

gesetzt. Oft blieben die verkündeten Schönheitsideale in

der Sackgasse unbeweisbarer Postulate stecken. Der

Goldene Schnitt sei schöner als zum Beispiel die Verhältnisse

1 : 2 oder 3 : 5? Wer behauptet das? Die klassischen

Säulenordnungen wurden im Vitruvianismus bis ins

neunzehnte Jahrhundert als Garanten für Schönheit in der

Architektur betrachtet und allergründlichst erforscht.

Doch allein die Vielzahl an Traktaten, die apodiktisch jeweils

andere Maßverhältnisse propagieren, beweist eher,

dass es keinen goldenen Schlüssel gibt.

Denn schon 1688 hatte der französische Architekturtheoretiker

Claude Perrault dem Disput jegliche Grundlage

entzogen, als er erkannte, dass das Empfinden von

Schönheit angelernt ist. Schönheitsideale sind nicht gottgegeben

oder Naturgesetz oder angeboren, sondern

werden von jedem Individuum durch Anschauung und

Gewohnheit erworben. Die Beliebtheit jeder Modetorheit

lässt sich so ganz leicht erklären.

Das bedeutet zwar, Schönheit ist als objektives Beurteilungskriterium

nicht geeignet. Dennoch ist jeder Mensch

geneigt, danach zu urteilen, und der Laie tut das auch

beherzt und sehr, sehr gerne.

Nehmen wir den Architekturwettbewerb. Noch vor 150

Jahren zankten sich die Juroren ausdrücklich auch um

die Schönheit der Einreichungen und argumentierten zum

Beispiel mit der mehr oder weniger exakten Anwendung

vitruvianischer Regeln. Heute traut sich kein Preisrichter,

das Wort „Schönheit“ überhaupt in den Mund zu nehmen.

Er würde sich angreifbar machen, denn er begäbe sich

auf die subjektive Gefühlsebene. Also argumentiert er

vermeintlich objektiv über Funktionen, Konstruktionen,

Kosten, auch über semantische Aspekte – und schielt

doch heimlich nach seinem Favoriten, der ihm einfach gefällt

und den er mit Nebenargumenten unauffällig nach

vorne zu bugsieren versucht.

Zweifellos gibt es schöne Häuser, aber warum darf man

sie so nicht nennen?

Man spricht von einem „schönen Auto“, wohl weil daran

Dutzende von Designern gewerkelt haben, denn Autobauer

wissen, hinreißendes Design ist das wichtigste Verkaufsargument

– nein, eben kein faktisches „Argument“,

sondern der wichtigste Kaufentscheidungsgrund!

Aber man spricht nicht von einem „schönen Haus“, jedenfalls

nicht in Fachkreisen, sondern allenfalls in Bausparkassenmagazinen.

Dabei verlangt die Öffentlichkeit

nach schönen Gebäuden und beklagt den hässlichen

zeitgenössischen Städtebau. Doch der wird von anonymen

Investoren und von Kommerzarchitekten geliefert.

Zur Zeit des Jugendstils war der Bauherr stolz auf sein

schönes Haus, ließ das Baujahr ins Giebelfeld und den

Namen des Architekten neben der Haustür in Stein

meißeln. Heute ist kein Developer mehr stolz auf die

Fassade, die er der Öffentlichkeit zumutet. Im Zweifelsfall

hat er das Projekt schon wieder verkauft, bevor die Gerüste

fallen.

Andere haben begriffen, dass man mit Retrolook Geschäfte

machen kann. Nostalgie geht immer, weil Vintage

kritiklos als schön empfunden wird, auch wenn sich hinter

gro.bürgerlichen neoklassizistischen Fassaden ebensolche

Grundrisse ausbreiten, für deren standesgemäße

Nutzung Butler und Kammerjungfer heute fehlen.

Natürlich ist es möglich, auch zeitgenössische Häuser so

zu gestalten, dass sie von den meisten Menschen als

schön empfunden werden. Warum gibt es keine Schönheitswettbewerbe

für Architektur? Schönheit wäre wieder

ein Verkaufsargument, und die Architekten würden sich

sicherlich gerne wieder darum bemühen.

 

Prof. Dr.-Ing. Falk Jaeger

freier Architekturkritiker, Berlin