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Jaeger(s)latein 3/2017
Die Bibliothek, der „Vierte Ort“

Deutschland ist zugebaut, hieß es noch vor wenigen Jahren.

Wir brauchen keine neuen Häuser mehr, weil die Einwohnerzahlen

stagnieren, die Leute lieber zu Hause

arbeiten, nachts, wenn der Nachwuchs nicht mehr kräht

(„home office“), und weil der Flächenverbrauch der smarten

Industrie fast so schnell schrumpft wie die Speicherchips.

Die Zukunft der Architekten heißt sanieren,

umbauen, revitalisieren. Letzteres ist noch nicht von der

Agenda, aber Neubau? „Prognosen sind schwierig, besonders,

wenn sie die Zukunft betreffen“, soll Karl Valentin

oder Mark Twain oder Winston Churchill oder Niels Bohr

oder Kurt Tucholsky oder noch ein anderer gesagt haben,

Wikipedia will sich da nicht festlegen. Also Pustekuchen.

Bürohochhäuser, Museen (immer noch!), Luxuswohnungen

und Hotels werden zu Hauf neu gebaut.

Noch ein Irrtum: Bibliotheken seien von gestern. Das Internet

mache die physische Existenz von Geschriebenem

obsolet. Im Augenblick kann zwar noch niemand, der

über ein älteres Thema, sagen wir der 50er-Jahre, etwas

erfahren, schreiben oder forschen will, auf Bibliotheken

verzichten, denn irgendjemand hat vergessen, die dazu

notwendige Literatur zu scannen und ins Netz zu stellen.

Vielleicht wird es dereinst mal so weit kommen, aber die

Tendenz sei eindeutig. Man recherchiert „bequem“ von

zu Hause oder vom Arbeitsplatz aus und spart sich den

Weg zum Büchertempel. Dennoch sind in jüngser Zeit

hier und da neue Bibliotheken entstanden, Unibibliotheken,

Stadtbibliotheken, Landesbibliotheken – wie das?

Stadtbewohner aller Schichten brauchen Orte, wo sie

sich ungezwungen treffen können. Einen solchen Platz

müsste man eigentlich den „Vierten Ort“ nennen. Er ist so

etwas wie der „Dritte Ort“, den der amerikanische Soziologe

Ray Oldenburg so genannt und darüber ganze Bücher

geschrieben hat. Der erste sei die eigene Wohnung,

der zweite die Arbeits- oder Ausbildungsstätte. Aber der

Mensch benötige eben auch noch einen dritten Ort, wo

er „kommunizieren“, wie man das Tratschen heute nennt,

oder wo er abhängen kann („hang out“). Den Frisör nennt

er als Beispiel, den Pub, das Kaffeehaus oder den Buchladen.

Merken wir was? Das sind alles Orte, die es auf

unsere Kreuzerchen abgesehen haben! Heute sind es

Star Bucks, Multiplex-Kinos und Shopping Malls, die sich

gezielt als „Dritter Orte“ anbieten und um unsere Gunst

als Konsumenten buhlen (und Habenichtse vergrämen

oder gleich ganz aussperren).

Doch was bleibt den Jugendlichen und den Hartz-4-

Empfängern außer der abgeschiedenen Ecke im Stadtpark?

Für sie müsste die Gesellschaft den „Vierten Ort“

vorhalten, wo sie sich treffen können, ohne um ihr Taschengeld

oder ihr mühevoll gesammeltes Flaschenpfand

bangen zu müssen. Wo im Winter geheizt ist und

wo man einfach nur sich austauschen oder, besser noch,

etwas Sinnvolles tun kann.

Und hier kommt wieder die öffentliche Bibliothek ins Spiel.

Sie kann ein solcher Ort sein. Städte, die in jüngerer Zeit

eine gebaut haben, wundern sich über deren Erfolg. Besucherzahlen

verdoppeln sich. In den schicken neuen

Unibibliotheken ist kein freier Arbeitsplatz zu bekommen.

Es macht viel mehr Spaß, seinen Laptop in der UB aufzuklappen

als allein zu Hause. Neue Bibliotheken werden

in unterschiedlichem Maß um periphere Nutzungen ergänzt,

wie jüngst in Shanghai (Steven Holl), in Caen

(OMA) oder in Tianjin (MVRDV). Und wenn dann noch ein

„Architekturerlebnis“ lockt wie in Dudlers Humboldt-Bibliothek

in Berlin oder Eun Young Yis Stadtbibliothek in

Stuttgart, braucht man sich über den munteren Betrieb

nicht zu wundern.

Wichtiger noch: Angebote für Jugendliche bieten diesen

„Vierten Ort“ speziell für sie und holen sie von der Straße.

Das neue Bildungsforum in Potsdam zum Beispiel mit seinen

von den Jugendlichen favorisierten Medien schafft

das spielend. Ganz offenkundig ist es sinnvoller, solche

Angebote bereitzustellen, als soziale Fehlentwicklungen

zu reparieren.

Warum die öffentliche Hand nicht viel mehr Bibliotheken

und multimediale Bildungs- und Kommunikationszentren

baut und unterhält, die so konzipiert sind, dass sie diesen

„Vierten Ort“ bieten? Rätsel über Rätsel. Vermutlich liegt

es daran, dass Bildung aus einem anderen Topf bezahlt

wird als Kriminalitätsprävention, Jugendrichter, Streetworker

und Graffiti-Wegputzer.

 

Prof. Dr.-Ing. Falk Jaeger

freier Architekturkritiker, Berlin