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Jaeger(s)latein 2/2017
Jeder Ton ist alleine unterwegs

Alle reden von Elphi und selbst wir müssen darauf zu sprechen kommen, übrigens erstmals in wa, denn einen Wettbewerb hat es ja nie gegeben! Die Ideeenskizze von Herzog und de Meuron hatte so eine Strahlkraft ent-

wickelt, dass sich selbst die versammelte Hamburger 

Architektenschaft ehrfürchtig verneigte und empfahl, den Entwurf kurzerhand ohne Wettbewerb zu realisieren. Welch noble Geste! Einzig Stephan Braunfels im fernen München brachte wieder seine Rechtsanwälte auf Trab und ließ Zornesblitze an die Elbe hinab schleudern.

Schwamm drüber. Das heimliche Milliardenprojekt ist 

vollendet. Heimlich, denn bei den offiziös verlautbar-

ten Baukosten in Höhe von 866 Millionen bleiben die 

45 frei finanzierten Wohnungen außen vor. Von bis zu 30.000 Euro pro Quadratmeter wird geraunt, 12 Millionen für die teuerste der Rohbau-Wohnungen. Genaueres ist von Hochtief nicht zu erfahren. Doch eins ist klar: der Konzern verdient gutes Geld damit.

Wir erinnern uns: 2003 hieß es bei der Vorstellung des Projekts durch eine Investorengemeinschaft und die 

Architekten, die geschätzten Kosten der Philharmonie von 40 Millionen (!) sollten über die Wohnungen und das Luxushotel sowie über private Stiftungen und Förder-

vereine finanziert werden. Die Stadt sollte lediglich das Grundstück zu Verfügung stellen.

Es ist anders gekommen. Der Senat blutet, während Hochtief den Immobilienhype nutzend die Apartments zu unanständigen Preisen vertickt, auf eigene Rechnung versteht sich. Zu solchen Konstellationen kommt es, wenn einer Kohorte teuerster Rechtsanwälte aufseiten des Generalunternehmers fachfremde Politiker und überforderte Baubeamte aufseiten des öffentlichen Bauherrn gegenübersitzen. 

Und die umjubelten Baukünstler? Welcher Anteil am 

15 Jahre währenden Kosten- und Termindesaster ist ihnen zuzuschreiben? Am Anfang haben sie schon mal geschickt taktiert. Das Projekt lasse Werner Kallmorgens Kakaospeicher A (ein Kulturdenkmal!) unangetastet, meinten sie treuherzig. Der Saal werde auf den Speicher einfach draufgesattelt. Dessen Fundamente würden das Gewicht problemlos tragen. Und im Speicher könne man 700 Parkplätze unterbringen. Geradezu eine Win-win-

Situation.

Der geneigte Leser wird mir beipflichten: Das nehmen wir den Architekten nicht ab. Sie hätten ja mal ganz unverbindlich bei einem Statiker anfragen können, ob das Gemäuer noch trägt. Und dass sich der Speicher mit seinen inneren Geschoss- und Achsmaßen nicht als Parkhaus für 700 PKW eignet, müssen sie sowieso gewusst haben. Aber sie wussten auch: Mit Bekanntwerden der Wahrheit hätte die schöne Idee der Sudden Death ereilt. Stattdessen kam das Projekt in Gang. 

Und dann kamen die Sachzwänge. Denkmalschutz ade, der Speicher wurde gründlich ausgeschabt, die Außenmauern aufwendigst gesichert und durch gewaltige, 

in den Hafenschlick gerammte Stahlkonstruktionen sturmsicher am Umfallen gehindert. Drinnen hat man in aller Ruhe und in aller Tiefe neu gegründet. Und schwupps haben sich die Baukosten, sagen wir: verdreifacht. 

Das dürftige Denkmalschutzmäntelchen hat unnötig 

Kosten verursacht. Einfacher (und ehrlicher) wäre ge-wesen, die Umfassungsmauern abzutragen und am Schluss wieder vorzumauern. Doch dann wäre jedem Laien angesichts der Tabula rasa die Wahrheit ins Auge gesprungen. Dass der Kaispeicher nur Tapete ist, sieht nur, wer will.

Und sonst? An HdMs Glasfassade wollen wir nicht rummäkeln, selbst wenn die klodeckelförmigen Scheiben pro Exemplar 20.000, manche wissen: 70.000 Euro gekostet haben. Immerhin macht das Gesamtbild einen guten Eindruck und berechtigt nun zu euphorischen Analogien (Sydney Opera, Großsegler etc.).

Auch nichts gegen die 1068 individuell gefrästen Gipsplatten der Saalverkleidung zu 10.000 Euro das Stück. Wenn man einen Starakustiker wie Yasuhisa Toyota von der Leine lässt, kostet das halt. Doch langsam kommen dann doch die Zweifel.

Am Tag zwei nach dem Eröffnungstaumel stehen sie 

in den Zeitungen: Die Geigen „spleißen auf, wirken 

hölzern“, das „Piccologeflöte wird in seiner Kratzigkeit verstärkt“, nölt die Süddeutsche. Ein Kritiker hat die Bässe vermisst, einer die Orgel nicht gehört. „So eine 

brutal durchkalkulierte Studioakustik ist ihm noch nie 

unterlaufen“, bescheinigt die FAZ ätzend dem Japaner und konstatiert nüchtern: „große symphonische Musik: Sie wird kalt lächelnd ihrer Dynamik beraubt, ihrer Farben entkleidet“.   

Was nun, wenn sich diese Beurteilungen weltweit kanonisieren? Wenn die internationalen Spitzenorchester den Konzertsaal der „keine Gnade kennt“ und in dem „jeder Ton für sich alleine unterwegs“ ist (FAZ) lieber meiden? Was, wenn auf die am 11. Januar so vollen Herzens 

erlebte und vielfach beschworene kollektive Freude ein langer Katzenjammer folgt? 

Sollte Elphi, Worst Case, in die Pleite gehen, ist Rettung nah. Das benachbarte Modellbahnunternehmen Miniatur Wunderland, mit jährlich 1,2 Millionen Besuchern ohnehin die eigentliche Attraktion der Speicherstadt, sucht ständig Raum für Expansionen. Den Mount Everest haben sie ja noch nicht, den könnten sie da hineinbauen, nicht ganz 1:87, aber 1:174 wäre ja auch ok. Bräuchten sie nur noch einen Fahrzeugakustiker, der die Geräusche der Loks penibel auf originalgetreu trimmt. Denn die wären glasklar zu hören, jede einzelne.

 

Prof. Dr.-Ing. Falk Jaeger

freier Architekturkritiker, Berlin