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Jaeger(s)latein 1/2017
Der Müll, die Stadt und die Utopie

Die Hauptstadt geht wieder einmal mit leuchtendem Beispiel voran. Von einem bemerkenswerten Wettbewerb in Berlin will berichtet sein: Die „Hauptstadt von morgen“ sucht „den innovativen Müllplatz“! Wer allerdings glaubt, dem Teufelsberg aus Weltkriegstrümmern soll ein weiterer Hausberg aus Müll Konkurrenz machen, geht fehl. Obwohl, denkbar wäre es, denn den Teilnehmern sind keine Vorgaben gemacht. Welch herrliche Vorstellung, der Fantasie gänzlich freien Lauf zu lassen und einmal vorurteilslos über Müll nachdenken zu können! Warum dann nicht ein Müllberg als höchste Erhebung Norddeutschlands, auf dem man Skilaufen könnte? Falls Bjarke Ingels nicht schon wieder eine Müllverbrennungsanlage mit Skipiste auf dem Dach anbietet, dem wäre der erste Preis freilich sicher, weil er den Berlinern noch in der Sammlung fehlt (vgl. HdM, Jaeger(s)latein 12/2016).

In drei Kategorien wird der Preis vergeben. „Praxisnahe Musterlösungen für Müllstandplätze“ erwartet man in der Abteilung „State of the Art“ von gestandenen Planerprofis. Als „Next Generation“ werden Lösungen gesucht, die „demnächst oder zukünftig realisiert werden können“. Hier sind die vorsichtig zukunftsorientierten Planer, aber auch ordentlich Studierende und Auszubildende angesprochen. Abgefahrene Studenten jenseits der Regelstudienzeit und Avantgardearchitekten dürfen auch bei „Freestyle“ mitmischen, wo es doch tatsächlich um „visionäre Ansätze für einzelne Standplätze oder ganzheitliche Entsorgungskonzepte“ geht. Wer das Problem also zum Beispiel durch dezentrale Pyrolyse im heimischen Papierkorb oder eine globale Müllvermeidungsstrategie lösen möchte, ist bei den Utopisten richtig.

Aber wahrscheinlich geht es wieder nur darum, Personal einzusparen. Die Vermutung liegt nahe, dass die BSR klammheimlich der Post/DHL nacheifert. Die versucht seit Jahren, sich der lästigen Paketzustellung treppauf treppab zu entledigen, indem sie elegant designte Paketstationen und Paketboxen an die Straßen stellt, wo die Empfänger Sendungen selbst abholen müssen – falsch: „ganz individuell abholen dürfen“. Reibungslos funktioniert hat es freilich nur in den neuen Bundesländern, weil dort die Bürger durch die zentralen Briefkastenanlagen der DDR-Post schon eingeübt waren. Das Geschäftsmodell musste aber vor allem deshalb eingebremst werden, weil die Nachfolger der Herren Dalsey, Hillblom und Lynn (DHL) vom Amazon-Tsunami überrascht wurden. Dezentrale Paketstationen in Bungalowgröße waren nämlich aus städtebaulichen Gründen keine Option. Nun setzt man auf das soziale Netzwerk ständig anwesender Nachbarn. Die nehmen Pakete an und liefern sie des Abends brav aus, womit gleichzeitig das soziale Problem der vereinsamten Rentner entschärft ist. 

Anfängliche Überlegungen, Berufstätigen entgegenzukommen und das Rentnersystem auch für den Hausmüll zu aktivieren, wurden rasch verworfen. Ein Modellversuch in Bretzfeld an der Wumme hat erwiesen, dass die Bereitschaft, fremden Hausmüll in der Wohnung zu lagern, insbesondere bei Hundebesitzern, der Hauptzielgruppe der Zuhausebleibenden, zu wenig ausgeprägt ist.

Stattdessen haben es die schmucken Paketautomatenboxen der DHL dem Müllentsorger angetan: So was will er auch haben. Deshalb wohl der Gestaltungswett-

bewerb. „Der Müllplatz soll sich ästhetisch und zweckdienlich ins Wohnumfeld integrieren. Themen wie demografischer Wandel, multikulturelles Zusammenleben 

aber auch Inklusion müssen hier Antworten und fortschrittliche Lösungen finden“, heißt es in der Ausschreibung. Ob das politisch korrekt gedacht ist? Fort-

schrittliche Müllentsorgungslösungen für Alte, Ausländer und Behinderte?

Man ahnt immerhin, das Anliegen der BSR ist ein ganzheitliches. Selten genug kann man mit einem kleinen Entwurf die Probleme der Großstadt lösen. Wer also Lust verspürt, einen Freestyle-Müllkübel zu designen, eine Wiederaufbereitungsanlage für Einweg-Kaffeebecher zu konstruieren oder weiß, wie man aus Hausmüll Hühnerfutter macht, vergesse den Auslobungstext und mache sich seinen eigenen Reim. Bis Mitte Februar ist Zeit zur Abgabe. Nicht nur Berlin, die Welt wartet darauf.

 

Prof. Dr. Falk Jaeger, Architekturkritiker, Berlin